Häusliche Pflege von Menschen mit Demenz

„Gucken Sie mal Schwester, dieser Körper, dieses Gesicht – ist das nicht schön?“
Äußerung einer alten Dame mit Demenz bei der Körperpflege im Seniorenheim


Vor einigen Jahren habe ich neben meinem Vollzeitjob in Marketing & Kommunikation meine pflegebedürftige Mutter zu hause gepflegt. Ingesamt rund acht Jahre und sechs Jahre davon mit der höchsten Pflegestufe. Geschafft habe ich das zusammen mit einem pensionierten Nachbarn und dem mobilen Pflegedienst der Diakonie in Leverkusen.

Während dieser Zeit kam ich häufig an meine körperlichen und nervlichen Grenzen. Zudem einsetzendes Mobbing aufgrund fehlender Akzeptanz meiner Pflegetätigkeit brachte mich schließlich aus meiner Balance. Ich habe mich in dieser Zeit gekümmert und funktioniert und mich selbst dabei verloren.

Andererseits konnte ich viele wertvolle Lebenserfahrungen sammeln, die mich stärker gemacht und mich zu meiner heutigen Tätigkeit als Business Trainer und Coach geführt haben. Heute unterrichte ich Menschen und erarbeite gemeinsam mit ihnen erfolgreiche Strategien, wie sie trotz großer Herausforderungen nicht in Schieflage geraten.

Da ich mit dem richtigen Wissen im Umgang mit der einsetzender Demenz einiges hätte besser machen können, möchte ich pflegenden Angehörigen einige Praxistipps mit auf den Weg geben. Diese Checkliste für den Umgang mit Alzheimerkranken ist mittlerweile in vielen Seniorenheimen in unserer Region im Einsatz. Los gehts...

 

Validieren bedeutet akzeptieren

Validation ist eine einfühlsame Kommunikationstechnik für den Umgang mit Dementen. Über den Einsatz von Empathie ermöglicht sie eine Kommunikation auf Augenhöhe. Sie basiert auf Wertschätzung und ermöglicht es, dass sich der Betroffene wahrgenommen, ernstgenommen und verstanden fühlt. Das gibt Halt und  vermittelt ihm das Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Ihre persönliche Bindung zu dem Dementen wird gestärkt.

Der Begriff Validation entstammt dem englischen valid und bedeutet gültig. Akzeptieren Sie die Welt und die Realität des Demenzerkrankten genau so, wie sie sich Ihnen zeigt. Auch wenn sie stark von der uns vertrauten Realität abweicht. Erkennen Sie seine Welt vollständig an. Erklären Sie alles Erlebte für gültig! Es ist in Ordnung und darf so sein.

Menschen mit Demenz verlieren zunehmend die Orientierung in der Gegenwart. Sie leiden unter Sprach- und Koordinationsstörungen, fehlender zeitlicher und örtlicher Orientierung, Unruhe und Vergesslichkeit. Sie wirken häufig abwesend. Und auch die körperlichen Kräfte lassen nach. Es gibt dabei gute und schlechte Tage. In der Pflege nennt man sie die blauen und die grauen Tage.

Wenn ich vom dem Dementen spreche, meine ich selbstverständlich Mann und Frau!

 

20 Tipps für einen guten Umgang mit Dementen 

1. Tauchen Sie in die Welt des Erkrankten ein

Nehmen Sie die innere Welt des Erkrankten an und versuchen Sie, sich so gut es geht in diese hinein zu versetzen. Der Demente kann zunehmend weniger unsere aktuelle Gegenwart begreifen. Er fühlt sich in vielen Alltagssituationen hilflos und überfordert. 

Denken Sie daran, dass es sich bei Alzheimer und anderen Krankheitsformen, die zu Demenz führen, um schwere Krankheiten handelt. Nervenzellen im Gehirn sterben ab und der Zustand des Gehirns wird zunehmend schlechter. Ein schleichender Prozess.

2. Positiver Fokus auf das, was noch geht

Konfrontieren Sie Ihren Angehörigen nicht mit seinen Defiziten wie: „Früher wusstest Du doch, wie das Gerät funktioniert.“ Er bekommt es häufig genug selbst mit und fühlt sich zusätzlich verunsichert. Durch den fortschreitenden Abbau von Gehirnzellen gehen Wissen und Fähigkeiten verloren.

Konzentrieren Sie sich mit Ihrer Aufmerksamkeit auf das, was der Demente noch kann. Zeigen Sie Verständnis für seinen körperlichen und geistigen Zustand. Gemeinsame Aktivitäten können so leichter an noch vorhandenen Fähigkeiten ausgerichtet werden.

3. Wertgeschätzt, ernstgenommen und verstanden fühlen

Jeder möchte als Mensch und für seine Leistungen wahrgenommen werden und sich verstanden fühlen. Dabei erkennt der Erkrankte durchaus seine Defizite. Schenken Sie Ihrem Angehörigen Bestätigung und Wertschätzung. Loben Sie ihn für seine Erfolge. Unterstützen Sie ihn, indem Sie ihm immer wieder frühere Lebensleistungen berichten.

4. Eine Aufgabe geben

Geben Sie dem Dementen erfüllende Aufgaben, damit er sich wieder gebraucht fühlt. Im Zuge der Demenzerkrankung geht die Eigenständigkeit mehr und mehr zurück. Aufgaben schenken Erfolgserlebnisse, spenden Lebensfreude und neuen Lebenssinn. Tägliche Erfolge steigern das Selbstbewusstsein und geben persönliche Bestätigung:

Du bist doch eine so gute Köchin! Komm, lass uns zusammen etwas Leckeres kochen.

Du kennst Dich doch gut mit Pflanzen aus. Bitte berate mich heute im Gartencenter.

5. Gefühle werden nicht dement

Das Gefühlsleben bleibt bei Menschen mit Demenz und Alzheimer erhalten. Dies hat eine Studie der Universität Iowa ergeben. Demente empfinden Freude oder Traurigkeit, können aufgeregt, wütend oder fröhlich sein. Wenn Emotionen nicht mehr in Worten ausgedrückt werden können, hilft ein Blick auf die Körpersprache mit Gestik und Mimik. 

Menschen mit Demenz erfreuen sich an Musik, singen Liedertexte aus früheren Zeiten und bewegen sich im Takt der Musik. Grundstimmungen von Filmen übertragen sich, auch wenn Inhalte schnell vergessen werden. Obwohl Menschen mit Demenz zeitweise abwesend erscheinen, spüren sie, ob ihnen jemand wohl gesonnen ist oder nicht. Und sie freuen sich über Ihren Besuch, auch wenn sie es Ihnen nicht mehr zeigen können.

6. Feste Alltagsstrukturen und liebgewonnene Rituale pflegen

Veränderung stellt eine Bedrohung dar und macht Menschen mit Demenz Angst.
Daher sollte der Tagesablauf eine feste Struktur haben. Nutzen Sie vertraute Rituale. Das Brötchen mit Marmelade, die Tageszeitung oder die morgendliche Fernsehserie. So erfahren Menschen mit Demenz Sicherheit und Orientierung. Innerhalb dieses festen Rahmens können Sie dann für Abwechslung sorgen.

7. Nutzen Sie bekannte Wege und vertraute Ziele

Wenn Sie Ausflüge und Unternehmungen machen, sollten diese möglichst vertraut sein. Steuern Sie bekannte Ziele an und nutzen sie dafür Wege, die der Demente kennt. Ich selbst habe zum Beispiel anstelle der Wälder der gesamten Region nur noch vertraute Wälder für Spaziergänge aufgesucht. Das hat meiner Mutter Orientierung geschenkt.

8. Freiheit und Sicherheit 

Finden Sie für Ihren Angehörigen einen guten Kompromiss, ein Maximum an Sicherheit zu bieten und andererseits Freiheiten zu gewähren. Unser Leben ist bei eigenständigen Aktivitäten immer mit gewissen Risiken verbunden. Entschärfen Sie Gefahrenquellen wie spitze Gegenstände oder Sturzmöglichkeiten durch Teppiche oder glatte Böden und schaffen Sie freie Zugänge.

Statten Sie Ihren Angehörigen mit einem Büchlein aus, in dem seine wichtigsten Daten und Informationen stehen und das er bei sich tragen kann. Inklusive Wohnanschrift, wichtige Angehörige, Telefonnummern etc. Es dient in Notfällen sowohl der Orientierung fremder Personen als auch der des Erkrankten selbst.

9. Entscheidungen leicht machen

Machen Sie Entscheidungen leicht. Stellen Sie einfache Fragen: „Möchtest Du Kaffee oder Tee?" Wenn Fragen nicht mehr verstanden werden, stellen Sie einfach die Dinge zur Auswahl vor die demente Person, so dass sie drauf zeigen kann.

10. Kommunikation auf Augenhöhe

Gehen Sie im Gespräch mit Ihrem Angehörigen sowohl mit Worten als auch körperlich auf Augenhöhe. Zeigen Sie Respekt! Sprechen Sie Rollstuhlfahrer nicht von oben an, sondern gehen Sie in die Knie oder setzen Sie sich auf einen Stuhl. Kommunikation braucht Empathie, damit sich der Betroffene verstanden und ernstgenommen fühlt. 


11. Einfach, deutlich und verständlich

Sprechen Sie in kurzen Sätzen! Betonen Sie klar und verständlich und sprechen Sie angemessen langsam. Berücksichtigen Sie auch eventuelle Hörgeräte und schauen Sie, ob diese mit aufgeladener Batterie eingesetzt sind. Gestalten Sie Ihre Sätze ebenso einfach wie Ihre gemeinsamen Aktivitäten. Nach dem Motto: Keep it simple!

12. Immer mit Blickkontakt ansprechen

Sprechen Sie Menschen mit Demenz nicht von hinten oder aus einem anderen Zimmer heraus an. Sie bilden einen sogenannten Tunnelblick aus. Ereignisse rechts und links von ihnen werden im Blickfeld nicht mehr wahrgenommen, was zu Schreckmomenten führen kann. Auf Augenhöhe und mit direktem Blickkontakt fühlt er sich angesprochen. 

13. Demente springen zwischen den  Zeiten

Menschen mit Demenz springen oft zwischen Ereignissen aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Sie flüchten in ihrem inneren Erleben in Zeiten der Vergangenheit, die ihnen mehr Halt und Sicherheit bieten. Im gegenwärtigen Alltag fühlen sie sich häufig überfordert. Die Flucht in bessere Zeiten der Vergangenheit kann helfen, sich besser wahrnehmen und orientieren zu können. Aktuelles und Vergangenes können sich in der Welt des Dementen vermischen. Versuchen Sie dieser Zeitreise empathisch zu folgen. 

14. Die Vergangenheit gewinnt an Bedeutung 

Stellen Sie sich das Gedächtnis eines Alzheimerkranken wie eine Wasserflasche vor. Das Wasser ganz unten in der Flasche ist die Vergangenheit. Es ist tief drin und häufig bis in kleinste Details präsent. Das Wasser obenauf ist die Gegenwart. Wenn man die Flasche ausschüttet, fließt dieser Teil sofort heraus. Das bedeutet: Ereignisse aus der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit werden schnell vergessen. Dagegen sind alte Liedertexte oder frühere Erlebnisse oft vollständig im Gedächtnis erhalten geblieben.

15. Nicht persönlich nehmen

Nehmen Sie es nicht persönlich, wenn Demente bösartig werden oder Schimpfworte fallen. Emotionen werden nicht selten grob und sehr direkt ausgedrückt. Sie liegen in der Biographie des Erkrankten begründet und wurden früher häufig unterdrückt. Auch Schuldzuweisungen haben immer mit dem Kranken selbst zu tun und nicht mit Ihnen. Demente müssen häufig Andere beschuldigen. Es ist Teil ihrer inneren Aufarbeitung.

Manchmal werden Gegenstände versteckt, die Symbolcharakter für das Leben des Dementen haben. Schmuck, Alltagsgegenstände, Geld oder schöne Kleidung, die für unerfüllte Träume im Leben stehen und die jetzt aufgearbeitet werden möchten. 

„Heimlich ist schön!“ Äußerung einer alten Dame mit Demenz während der Pflege

16. Sichtbare Gefühle in Worten ausdrücken

Bestätigen Sie gezeigte und erkennbare Emotionen mit Ihren Worten. "Du bist ganz schön sauer. Das ärgert Dich!" oder "Du bist traurig. Das ist zu viel für Dich" oder "Heute bist Du müde. Das ist aber auch ein müdes Wetter." Der Demente fühlt sich wahrgenommen und verstanden.

Fragen Sie wehmütige Menschen, wie es ihnen geht, wann das Erlebte war und wie sie es erlebt haben. Geben Sie in der traurigen Stimmung dem Dementen die Möglichkeit, seine schlimmen Erlebnisse auszudrücken, um sie so verarbeiten zu können. 

17. Nicht diskutieren – nicht streiten!

Menschen mit Demenz sind zu sachlichen Diskussionen häufig nicht mehr in der Lage. Korrigieren Sie nicht und stellen Sie Keinen bloß! Nach dem Motto: "Das habe ich Dir doch schon zehnmal gesagt" oder „Warum weißt Du das denn nicht mehr?" Fragen Sie nicht mit Wieso und Warum.

Und streiten Sie bitte nicht, auch wenn Sie sich im Recht fühlen. Es bringt Ihnen Beiden nichts und verunsichert lediglich. Sprechen Sie verbindend und nicht trennend.

18. Für sinnliche Erlebnisse sorgen

Demenz bedeutet übersetzt sinngemäß "weg vom Geist". Mit unserem sachlogischen Verstand und in Diskussionen erreichen wir demente Personen in aller Regel nicht mehr. Kontakt herstellen können wir dagegen über liebevolle Zuwendung, das Reichen einer Hand, eine liebevolle Umarmung, Humor und gemeinsames Lachen.

Sinneswahrnehmungen erlangen mit zunehmender Krankheit eine größer werdende Bedeutung. Die Arbeit mit Farben, Musik, Gesang, Geschmack, Fühlen oder Riechen hilft den Erkrankten bei der eigenen Wahrnehmung. Deshalb wird in der Betreuung in Seniorenheimen sehr viel mit der Wahrnehmung über unsere fünf Sinne gearbeitet. Fühlen von Gegenständen, altvertraute Lieder singen oder Lieblingsfotos anschauen. 
 

19. Keine Versprechungen für die Zukunft

Bitte keine Zukunftsbotschaften aussprechen wie: "Deine Tochter kommt am nächsten Wochenende." Der Demente könnte Sie danach alle paar Minuten nach der Tochter fragen und sich Hoffnungen oder Sorgen machen. Und Sie dürften darauf antworten. Zukunftsorientierung geht im Zuge der Krankheit immer mehr verloren. Mein Tipp: Sagen Sie am Tag des Erscheinens: "Schau mal, wer da gerade gekommen ist..."

20. Mit den inneren Augen sehen

Demente Personen sehen ihre Welt mit ihren inneren Augen. Wenn ein Herr mit 85 Jahren heim zu seiner Mama möchte, dann ist das keine Halluzination, sondern seine aktuelle Realität. Fragen Sie ihn, wie er seine Mama sieht und wie er dabei fühlt?

Bestätigen Sie Wünsche und Bedürfnisse ohne ihn anzulügen. Einfühlsame Empathie bedeutet auch schon mal kreative Phantasie. Entwickeln Sie Verständnis! Versuchen Sie sich in die inneren Augen des Dementen einzuloggen. Auch eine einfühlsame Ablenkung kann helfen, so dass sich Ihr Angehöriger wieder beruhigt und sicher fühlt.

 

Praxisarbeit im Kurzfilm

Zuletzt möchte ich Ihnen zur besseren Veranschaulichung noch einen kurzen Film aus der Arbeit in Seniorenheimen zeigen. Bitte klicken Sie hier.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Arbeit mit Ihrem dementen Angehörigen. Mein ganz persönlicher Tipp: Verlieren Sie bei allem Leid nicht Ihr Lachen und Ihren Humor.

Und denken Sie als pflegender Angehöriger auch an sich, um immer wieder Kraft und Energie zu tanken. Holen Sie sich professionelle Unterstützung, denn gemeinsam fällt diese Zeit deutlich leichter. Ich wünsche Ihnen alles Gute!